Care for your head

Um das Folgende verstehen zu können, muss man wissen, wie Ganesh zu seinem Elefantenkopf kam. Kurz gesagt, wurde ihm das ursprüngliche Haupt von seinem Vater Shiva irrtümlich abgeschlagen. Als dieser seinen Fehler erkannte, entwendete er dem nächstbesten Lebewesen den Kopf und setzte ihn seinem Sohn auf.

Auf unserem Heimweg haben wir noch einmal für zwei Tage Station in Mysore gemacht. Zufällig sahen wir, dass das im Beitrag Ja, Nein, Vielleicht, Weiß nicht abgebildete Plakat von der hiesigen Polizei in der Zwischenzeit überklebt worden war. Sie will damit die vielfach auf Motorrädern durch die Stadt brausenden Inder zum Aufsetzen von Integralhelmen überreden.
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“Nicht jeder bekommt Ersatz - achte auf Deinen Kopf”

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Wiedergeburtswunsch Sumpfkrokodil

Heute (das heisst vorvorgestern, ich bin im Rueckstand) haben wir endlich einen Kingfisher gesehen. Diese Voegel gibt es bei uns auch, da heissen sie Eisvoegel und sind viel kleiner als in Indien, wo es seit einigen jahren auch eine gleichnamige Fluggesellschaft gibt. Das waere nicht weiter beunruhigend, hiesse so nicht auch der Marktfuehrer im indischen Bierbusiness. Wer wuerde schon eine Maschine der Reissdorf Air besteigen? Dann lieber auf der Gorch Fock die Seekrankheit mit Beck’s bekaempfen.
Die heilende Kraft des Getreidegetraenks ist im Ayurveda bislang allerdings unbekannt. Bei der Eingangsuntersuchung zu unseren treatments fragte mich der Assistenzarzt nach meinem Alkoholkonsum. Ich erklaerte ihm, dass ich aus indischer Sicht ein Saeufer, fuer deutsche Begriffe ein Duchschnittstrinker und nach russischen Massstaeben ein Abstinenzler waere. Ich erntete einen schwer zu deutenden Blick. Man muss dabei anmerken, dass Staub, Abgase und Zugwind beim Rikschafahren eine empfindsame Reaktion meiner oberen Gesichtspartie bewirkt haben. Ich sehe aus wie ein tibetischer Harald Juhnke.
Dem Kingfisher (dem Tier, nicht dem Bier) begegneten wir im Ranganthittu Bird Sanctuary, wo auch der Mugger lebt, und das offensichtlich gut und gerne. Der Mugger ist die kleinste der hiesigen Krokodilarten: Neben dem bis zu sieben Meter langen, unfreundlichen Salzwasserkrokodil und dem bisweilen sechs Meter erreichenden und absonderlich gebauten Gangesgavial geht der Mugger mit maximal vierhundert Zentimetern fast noch als Eidechse durch. Dennoch ist das kleinste Kroko so gross, dass das groesste Nagetier der Welt in ihn hineinpasst: Das Wasserschwein. Hinterher liegt das Reptil ein halbes Jahr lang auf der faulen Schuppe.
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Mund auf, Augen zu.

Vielen herzlichen Dank fuer die freundlichen Emails und Kommentare zum Blog!

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Dr. Rao und die Russen

Jedes Jahr kommen viel mehr Menschen durch herabfallende Kokosnuesse ums Leben als durch Angriffe von Haien.
An dem vorhergehenden Satz faellt Folgendes auf:
1. Die Zeitangabe ist ueberfluessig, denn wenn das jedes Jahr so ist, ist es prinzipiell so.
2. Viele Menschen (ich besonders) haben panische Angst vor den Raubfischen, aber keiner fuerchtet die Frucht.
Zu unrecht, wie folgendes Erlebnis zeigt: Mit Geraschel und In-den-Baeumen-Gewurschtel durchquerte eine Horde Rhesus-Affen das Gelaende, auf dem wir einige Tage zu Gast waren. Das erste der Wesen mit dem seidigen, sandfarbenen Fell und den Gesichtern verbitterter Greise hielt eine fussballgrosse Kokosnuss in den Haenden, die es austrank und mit affenartiger Kraft aus 5 Metern Hoehe auf den Gehweg schmetterte. So etwas haette kein russischer Esoteriker ueberlebt.
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Angestellter der Affenmafia

Wieso ausgerechnet russische Esoteriker?
Deshalb:
20 km noerdlich von Mysore betreibt ein freundlicher kleiner Mann mit Schnauzbart eine ayurvedische Kurklinik, das Swaasthya Ayurveda Village. Dieser Mann ist Dr. Rao, und er hat einige Jahre im Sueden Russlands praktiziert, was ihm einen stetigen Strom ehemaliger Sovietbuerger in die 12 Betten leitet, die von ihm und etwa 20 Angestellten inmitten palmengesaeumter Zuckerrohrfelder bewirtschaftet werden. Sie unterziehen sich dort fuer zwei bis drei Wochen streng ayurvedischen Behandlungen, ayurvedischer Kost und klassischem Yoga-Unterricht. Von Russen majorisierte Ferienorte stellt man sich nun gemeinhin nicht so vor, dass man nach dem vegetarischen Abendessen beim Kraeutertee sitzt und einander mit gedaempfter Stimme freundliche Worte mit sch-Lauten zunuschelt. Hier ist es so, und uns hat das gut gefallen.
Als Deutsche und Nicht-Kurgaeste wollten wir unsere Aussenseiterrolle etwas abmildern und nahmen auch selbst Behandlungen in Anspruch. Notfalls haette ich ein Gebrechen erfunden, aber ab 40 hat man ja immer was. Nun muss ich drei Monate lang sehr schmackhafte indische Kraeutertabletten nehmen, die ich leider nur schlucken soll und nicht zerbeissen darf. Mein Nacken wird die milden Haende des indischen Masseurs vermissen.
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Schon der Zugang hat heilsame Wirkung

“Aufgespiesste Spinnen mimten Palmen.” schreibt Marcus Braun in seinem merkwuerdigen Roman “Delhi”. Hier aber sehen die Palmen im Halbdunkel aus wie die Scherenschnitte rasender Windraeder, und hinter dem Haus stuerzen sich Reiher und Kormorane in den fuer indische Begriffe antiseptischen Fluss. Darueber schweben schillernde Libellen. Sie sind so gross wie Motorraeder.

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Betuppen erbeten

Manchmal ist das Leben einfacher, wenn man sich uebers Ohr hauen laesst und so tut, als haette man’s nicht bemerkt. Des Neinsagens und Verhandelns muede, haben wir das auf dem beruehmten Devaraja-Markt in Mysore so gehalten.
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Von Touristen angefertigtes Touristenfoto

Teurer Tand schluepfte in unsere Rucksaecke. Man soll eigentlich auch niemals Rickschafahrern nachgeben, die so nen super Laden um die Ecke kennen und einen fuer 20 Pfennig dahin fahren wollen. Aber interessant ist auch, wenn man’s dann eben doch tut. Kostspieliger Kappes fand in unseren Besitz. Ich finde, wenn die Preise nach unserer Lesart laecherlich niedrig sind, darf auch die Schlitzohrenwirtschaft ein bisschen vom Tourismus profitieren, solange sie ihre Dienstleistung freundlich erbringt. Echte Traveller schauen auf Leute mit unserer Denkweise natuerlich herab. Aber was soll man von Menschen erwarten, die mehrere Hundert Mal so reich sind wie die Einwohner der von ihnen bereisten Laender, und die dort dann noch jeden Paisa umdrehen?
Der Erfolg unserer Ermuedungsnaivitaet liess uns nach einem weiteren Erlebnis folgende Richtschnur knuepfen:
Wenn einen ein liebenswuerdiger, gut Englisch sprechender Fremder anspricht, kann man sich ruhig auf ein Gespraech einlassen. Er darf einen auch getrost durch die halbe Stadt auf einen “alten Markt” fuehren. Es ist in Ordnung, von dem Mann einen Tee ausgegeben zu bekommen (wenn man zu zweit ist und das ganze auf einer belebten Strasse im Freien stattfindet). Will er dann in ein dunkles Gebaeude in einer verlotterten Gasse locken, darf man guten Gewissens ablehnen. Man muss dann aber mit der Gewissheit leben, nie zu erfahren, was einen dort erwartet haette…
Erleichtert beguckten wir unsere Einkaeufe im oasengleichen Anokhi Garden. Ausser Yoga-Aficionados trafen wir dort einen Belgier, der schon ueber 60 Mal in Indien war (’Did you com to India to enjoie or to soffeur?’).

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Stille Nacht, heilige Kuh

Es gibt hier viele Menschen, die mit schlimmen Traumata belastet sind, boese Entstellungen im Gesicht oder am ganzen Koerper herumtragen oder einfach nur vom Schicksal gebeutelt wurden. Dass ich mein Leben lang in erstaunte Gesichter schauen muss, wenn ich meinen indischen Migrationshintergrund verrate, gehoert also gewiss zu den Schicksalsschlaegen, die man unter Stelldichnichtsoan verbuchen darf. Auch der Inder wundert sich ueber den unindischen Halbinder. Wenn’s richtig gut laeuft, schaut er mir laengere Zeit ins Gesicht und sagt ‘Yes, your eyes look indian’. Und nach einer weiteren Pause: ‘But the eyes only.’ Irgendwann habe ich einmal einen Halbinder kennengelernt, der indischer aussah als ganz Rajasthan, un der hiess: Thomas Mann.
Auf der Busfahrt von Bangalore nach Mysore haben wir dann doch viele der erwarteten Wiederkaeuer erblicken duerfen, wenn sie in dem kleinen Sichtfenster erschienen, dass zwischen dem auf, neben und unter uns gestapelten Gepaeck noch uebrig geblieben war.

Wir haben uns schliesslich am Abend (dem heiligen) mit einem Dinner im Park Lane Hotel belohnt, was mich zu der Bemerkung veranlasst, dass es sich sowieso schon allein wegen des Essens lohnt, nach Indien zu fahren. Selbst mittelmaessige, fuer hiesige Verhaeltnisse ueberteuerte Laeden wie dieser bieten immer noch sehr leckere und spottbillige Kost. Dagegen gibt es einfache Lokale wie das Indian Coffee House, die einem fuer Centbetraege grosse Kunst servieren.
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Ob es hier ums Essen geht? Man weiss es nicht.

Das Besondere am ‘Park Lane’ ist, dass man auf einer riesigen ueberdachten Terasse sitzt und gemeinsam mit den anderen westlichen und inländischen Touristen von einer klassischen indischen Musikcombo ( Sitar und Tablas) stilecht beschallt wird.
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Die Musik klang dunkel und verwackelt

Den Kellner ruft man durch einen Ruck an der Strippe, die vor der Nase jedes Gastes baumelt wie die Sauerstoffmasken in absturzgeweihten Flugzeugen. Dann leuchtet eine rote Gluehbirne ueber dem Gast auf, und einer der drei Dutzend Kellner stuerzt herbei.

Am Nachbartisch beendete eine deutsche Touristin ihr Handygespraech mit den Worten: ‘Jetzt muss ich mal Schluss machen, mein Suesser wartet schon seit einer Stunde darauf, dass ich aufhoere, zu telefonieren.’ Dabei blickte sie auf den jungen Inder gegenueber, dem sie, kaum hatte sie aufgelegt, offenbarte, sie wuerde sich nun umziehen und bald wieder zurueck sein. Dem kann man sich nur ansschliessen.

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