Ich bin wie Du

Der Gedanke an Folklore kann mich nachts aus dem Bett fahren und mit zitternden Fingern nach dem Lichtschalter tasten lassen, nicht ohne dass ich mir den kleinen Zeh an einem Bettpfosten breche, der nach meinen Berechnungen im Dunkeln einen Meter weiter links haette stehen muessen. Dass wir zu finsterer Morgenstunde freiwillig und ohne Fussverletzung eine Theyam-Zeremonie aufsuchten, deutet also darauf hin, dass es sich um nichts Folkloristisches handelt. Theyam heisst Gott, und das Ritual ist aelter als der Hinduismus, der ja auch schon 2500 Jahre auf dem Buckel hat. Ich unterhielt mich mit Ashok, der als Chemiker in Dubai arbeitet, demnaechst nach Australien zieht und ein Mal im Jahr wie seine Geschwister in sein Heimatdorf zurueckkehrt, um der dreitaegigen Zeremonie beizuwohnen. “I live a western lifestyle.” sagte er. “I am like you. But I believe in the Theyam.” Wenn der Gott seinen Tanz beendet hat, segnet und beraet er die ausrichtende Familie oder Gemeinde. Sein Repertoire reicht von astrologisch anmutenden Gemeinplaetzen bis hin zu familientherapeutischen Konsultationen. Die Glaeubigen lauschen ergriffen oder wagen lautstarke Diskussionen mit dem Mann, der in diesem Moment eine der moeglichen 450 Gottheiten ist. Waehrend die Inder darauf warten, an die Reihe zu kommen, schreiben sie SMS.
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Nach dem Segen des Theyams brach der einbeinige Alte in Jubel aus.

Manche Volksstaemme pflegen befremdlichere Rituale. Waehrend der Theyam-Zeremonie konnte ich einen Germanen beobachten, der trotz der hier auch zur Nachtzeit selten unter 25 Grad sinkenden Temperatur seine Landestracht angelegt hatte, einen um die Hueften geschlungenen Oberkoerperwams. Die pfiffigen Mitteleuropaeer stellen das Material dieser fuer fremde Kulturkreise charmearmen Kleider aus recycelten Kunststoffen her und nennen es Fleece - sie sind halt Improvisateure. Die Fuesse des Germanen versteckten sich vor der Hitze in fingerdicken Baumwollsocken, die durch Riemenschuhe quollen, welche er auch beim Betrotten der Zeremonienflaeche nicht ablegte. Seine schamanischen Kraefte waren so stark, dass keiner der Anwesenden sich diese Beleidigung anmerken lassen konnte, und in seiner touristischen Trance erreichte er sogar den Zustand subjektiver Unsichtbarkeit, weshalb er sich immer wieder ohne Scham zwischen Glaeubige und Gott zu draengen vermochte. Unentwegt belegte er den Gott mit magischen Blitzen, die er mit seinem Zauberkasten aus Armeslaenge Abstand auf ihn schleuderte. Kein Zweifel, hier begegneten sich zwei Zeremonienmeister auf Augenhoehe. Wir flohen, bevor uns der Germane als seinesgleichen erkennen konnte (”I live a western lifestyle! I am like you!”)

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