Stille Nacht, heilige Kuh

Es gibt hier viele Menschen, die mit schlimmen Traumata belastet sind, boese Entstellungen im Gesicht oder am ganzen Koerper herumtragen oder einfach nur vom Schicksal gebeutelt wurden. Dass ich mein Leben lang in erstaunte Gesichter schauen muss, wenn ich meinen indischen Migrationshintergrund verrate, gehoert also gewiss zu den Schicksalsschlaegen, die man unter Stelldichnichtsoan verbuchen darf. Auch der Inder wundert sich ueber den unindischen Halbinder. Wenn’s richtig gut laeuft, schaut er mir laengere Zeit ins Gesicht und sagt ‘Yes, your eyes look indian’. Und nach einer weiteren Pause: ‘But the eyes only.’ Irgendwann habe ich einmal einen Halbinder kennengelernt, der indischer aussah als ganz Rajasthan, un der hiess: Thomas Mann.
Auf der Busfahrt von Bangalore nach Mysore haben wir dann doch viele der erwarteten Wiederkaeuer erblicken duerfen, wenn sie in dem kleinen Sichtfenster erschienen, dass zwischen dem auf, neben und unter uns gestapelten Gepaeck noch uebrig geblieben war.

Wir haben uns schliesslich am Abend (dem heiligen) mit einem Dinner im Park Lane Hotel belohnt, was mich zu der Bemerkung veranlasst, dass es sich sowieso schon allein wegen des Essens lohnt, nach Indien zu fahren. Selbst mittelmaessige, fuer hiesige Verhaeltnisse ueberteuerte Laeden wie dieser bieten immer noch sehr leckere und spottbillige Kost. Dagegen gibt es einfache Lokale wie das Indian Coffee House, die einem fuer Centbetraege grosse Kunst servieren.
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Ob es hier ums Essen geht? Man weiss es nicht.

Das Besondere am ‘Park Lane’ ist, dass man auf einer riesigen ueberdachten Terasse sitzt und gemeinsam mit den anderen westlichen und inländischen Touristen von einer klassischen indischen Musikcombo ( Sitar und Tablas) stilecht beschallt wird.
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Die Musik klang dunkel und verwackelt

Den Kellner ruft man durch einen Ruck an der Strippe, die vor der Nase jedes Gastes baumelt wie die Sauerstoffmasken in absturzgeweihten Flugzeugen. Dann leuchtet eine rote Gluehbirne ueber dem Gast auf, und einer der drei Dutzend Kellner stuerzt herbei.

Am Nachbartisch beendete eine deutsche Touristin ihr Handygespraech mit den Worten: ‘Jetzt muss ich mal Schluss machen, mein Suesser wartet schon seit einer Stunde darauf, dass ich aufhoere, zu telefonieren.’ Dabei blickte sie auf den jungen Inder gegenueber, dem sie, kaum hatte sie aufgelegt, offenbarte, sie wuerde sich nun umziehen und bald wieder zurueck sein. Dem kann man sich nur ansschliessen.

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